Aug 13 2009

Tag 2 auf dem West Coast Trail

“Geht es noch schlimmer…?!”

Thrashers Cove zum Cullite Creek

Startzeit: 08:15

Tagesdistanz: 12km

Benötigte Zeit: 10h

Man kann nicht gerade sagen, dass einem das Aufstehen an diesem Morgen leicht fiel. Und dabei ist es gar nicht mal das aufwachen selbst, sondern eher wirklich das sich-vom-Boden-erheben. Sehr faszinierend. Wusste garnicht, dass ich so viele verschiedene Muskeln habe, die alle irgendwie wehtun können. Dabei beschränkte sich das nichtmal auf die Oberschenkel (Steigungen, Hänge), sondern auch auf den Rücken (20-Kilo-Rucksack) oder Arme (Stöcke zum Abstützen). Aber etwas dran ändern konnte man nicht und ausserdem standen heute lange 12km Distanz vor uns.

Also fix ein wenig gefrühstückt – es gab luxoriöses Müsli mit Trockenmilchpulver und Wasser, alle Klamotten zusammengepackt und los ging’s.

Start am zweiten Tag

Apropros Klamotten: Es ist selbstredend, dass man alle Sachen wie Zelte, Essen, Schlafsack und Isomatte mitnehmen muss. Genauso wichtig ist es aber auch, den verursachten Müll auch mitzunehmen. Also den gesamten Trail. Mülleimer gibt es nur an den Trailheads. Daher sollte man schon versuchen, so wenig wie möglich Müll zu “produzieren” und vor allem auch keine schweren Verpackungen, etc. einpacken. Alles überflüssiges Gewicht… 😉

Der erste Abschnitt sollte wohl auch der schwerste des Tages und wahrscheinlich des Trails werden: Das, was in der Karte als “Difficult route, many boulders” beschrieben wurde, konnte man auch wirklich so ernst nehmen: Die Steingröße reichte von der Größe eines Fussballs (eher selten) bis hin zu Felsen mit zu 4m Durchmesser (eher öfters…). Dazu kam, dass dieses Gebiet ausschliesslich bei Ebbe durchquert werden konnte, da sonst alles unter Wasser steht. Ergo: Algen, Muscheln und Seepocken wo man nur hinguckte und vor allem: Genaues Beachten der Tidentabelle, da man sonst von der Flut überrascht werden konnte – bei einer starken Flut beträgt der Tidenhub bis zu 12m!

Muscheln und Pocken sind irgendwie größer als in der Nordsee… 😉

Das macht das Durchqueren nicht gerade einfach – insbesondere mit dem schweren Gepäck auf dem Rücken. Und eines war klar: Wer hier ausrutscht und abstürzt hat ein echtes Problem!

Start am zweiten Tag

Immerhin schon ein gutes Stück geschafft

Diese schroffen Steine sind aber auch schon anderen zum Verhängnis geworden: Hier und da trafen wir immer auf Treibgut und Resten von verunglückten Schiffen. Die meisten Teile an dieser Stelle kamen vermutlich wohl von dem Dreimaster “Revere”, der 1883 hier verunglückt ist. Wenn das bei so einem schönen Wetter schon so schwer ist hier durch zu kommen, wie muss das nur erstmal bei Sturm sein?!

Reste von einem alten Schiff

Nach etwas über 1,5 Stunden hatten wir es dann geschafft und die Steine wurden kleiner und der Strand ein wenig passierbarer. So kamen wir dann am Owen Point an. Hier fängt quasi die Bucht an, die bis nach Port Renfrew reingeht. Bis hierhin hatten wir gerade mal 7km des gesamten Weges geschafft…hoffentlich werden die restlichen 68 ein wenig einfacher…!

Das Ende der schweren Strecke ist in Sicht?

Weisskopfseeadler

Wieder Überreste von einem Schiff – dieses Mal nicht so alt

Endlich einfacher…

Aber jetzt hiess es erstmal “Sightseeing”! Bei Owen Point haben die Gezeiten ein paar Höhlen und Bögen in den Felsen gespült, die man bei Ebbe prima begehen konnte.
Auch hier wurde uns aber klar, warum bei der Einführung am Trailhead so deutlich auf die Tidentabelle hingewiesen wurde: Bei Flut ist das ein Ort, wo man besser nicht sein sollte – es gibt keinen Weg in Richtung Festland.

Am Owen Point angekommen

Am Ende der Bucht sind wir einen Tag vorher gestartet!

Wir beim Owen Point

Dieser Seestern hat wohl die Tidentabelle nicht richtig gelesen…

Der vor uns liegende, ca. 2km lange Strandabschnitt war dann eine echte Entspannung: Vor ner Menge von Jahren sind hier noch ein paar Vulkane ausgebrochen, die am Strand eine fast ebene Fläche erzeugt hatten, auf der es sich wirklich prima laufen liess.

Hier läuft man doch schon wieder gerne… 😉

Nur hin und wieder hatte das Wasser durch die Gezeiten sogenannte “Surge Channels” in den Stein gefressen, die Landeinwärts umgangen werden mussten. (Durchgehen war eine schlechte Idee: Starke Strömung, sehr tiefes Wasser, rutschige Ränder…)

Mal ein sehr kleiner Surge Channel

Der hier war größer und musste umgangen werden

Mittels Seil musste man sich festhalten, um an den steilen und rutschigen Felsen nicht in den 7m tieferen Channel zu fliegen…

Aber dafür war die Landschaft wirklich beeindruckend schön…

Dieser Channel ist wohl nur bei Flut gefüllt…

Beeindruckend…

Rauhe See (nicht nur) beim Beach Access

Am Beach Access – dem Strandzugang des Trails im Inland – haben wir dann erstmal in Ruhe ein Pause gemacht. Das mittlerweile immer höher gestiegene Wasser konnte uns nichts mehr anhaben, da wir für den restlichen Teil des Tages auf dem Inlandtrail gehen mussten – der Strandabschnitt war ab hier nicht mehr begehbar. Hin und wieder ging der Trail nah an der Küste lang und man konnte verstehen, warum es da nicht mehr langging.

Hier geht man besser nicht am Strand lang…

Kleiner Strand mit großen Baumstämmen als Treibgut

Teile des Trail sind hier mit Laufstegen versehen. Anfangs hatte uns das noch gefreut, aber mehr und mehr wurde die Qualität schlechter:

Luxoriöser Trail…

…nur leider nicht sehr lange! 🙁

Auch die Anzahl und Tiefe der Matschlöcher wurde größer

Vor ein paar Jahren hat ein schwerer Wintersturm teile des Trails zerstört. Dadurch wurden viele der Laufstege durch umgefallene Bäume zerstört. Aber immerhin hat man aus der Not eine Tugend gemacht und die Baumstämme kurzerhand als Laufstege umfunktioniert:

Umgefallener Baumstamm als Trail

Als wir dann den nächsten Bach überquerten, mussten wir erstmal unsere Wasservorräte auffüllen. Das war immer mit ein wenig Aufwand verbunden, da dringend empfohlen wurde, das Wasser mit einem Filter oder mittels chemischer Mittel zu reinigen. So saßen Marc und ich dann am Bach und haben mit unserem Wasserfilter langsam aber sicher alle Trinkschläuche und Wasserbehälter gefüllt.

Wasser nachfüllen am Trisle Creek

Auch der weitere Trail war immer wieder durch umgestürzte Bäume in Mitleidenschaft gezogen worden, die dann entweder – wie schon oben erwähnt – als “Weg” genutzt wurden oder in denen provisorisch ein paar Stufen gesägt wurden, um über sie rüber zu klettern.

Auch hier wieder nur Baumstämme als Trail

Schließlich kamen wir kurz vor unserem Tagesziel am Camper Creek an. Hier waren dann wieder ein paar Leitern zu finden – was nicht gerade auf viel Gegenliebe bei uns stieß.

Um die Brücken und Cable Cars über die Bäche und Flüsse so kurz wie möglich zu halten, war es dann meistens so, dass man beim Fluß eine um die 30 bis teilweise 60m hohe Leiter zum Fluß herabsteigen musste, den Fluß dann mittels Brücke oder Cable Car passieren konnte, um dann auf der anderen Seite wieder eine entsprechend hohe Leiter heraufzuklettern. Das macht vielleicht das erste Mal noch Spaß, aber irgendwann vergeht einem dann auch darauf die Lust und so mancher Muskel fängt an, sich zu beschweren… 😉

Leiter runter…

…Cable Car…

…und die geliebten Leitern wieder hoch

Jedoch kam dann kurz vor Cullite Creek eine kleine Abwechslung: Nicht, dass man auf die Leitern verzichtet hätte…nein…aber immerhin hat der letzte Winter die Brücke über den Fluß einfach weggespült. Also wurde einfach ein Seil über den Bach gespannt, an dem man sich festhalten konnte. Naja…auch eine Möglichkeit, rüber zu kommen. Zum Glück hatte es die Tage nicht geregnet und somit war der Wasserstand halbwegs niedrig.

Das mittlerweile bekannte Spiel: Leiter runter, Bach, Leiter rauf…

Hier war mal eine Brücke…

…aber provisorisch musste man sich am Seil langhangeln

Mitten im (flachen) Wasser

Nachdem wir auch diese Stelle gemeistert hatten, konnten wir dann endlich nach einem wirklich sehr langem Tag unser Tagesziel, Cullite Creek sehen. Zwar stand mal wieder eine Leiter zwischen uns und dem Ziel, aber heute  brauchten wir sie nur heruntergehen, da der Campground auf Meereshöhe liegt.

Kurz vorm Ende…nur noch ein “paar” Meter runter…

Der Campground lag quasi direkt an der Mündung vom Cullite Creek, nur durch ein paar Bäume vom Meer geschützt. Jedoch verlief der Creek selbst in einem ca. 40m tiefen Tal, welches bis zur Mündung ins Meer verlief. Eine wirklich tolle Landschaft!

Die Campsite am Cullite Creek

Der Strand bei Cullite Creek

Am ersten Tag hatten wir zusammen mit drei Kanadierinnen den Trail begonnen, welche auch an diesem Abend dieselbe Campsite benutzten, wie wir. So haben wir dann mit denen und ein paar anderen “Mitwanderern” am Feuer gesessen und ein wenig gequatscht. Allzu lange war das nur nicht mehr, da wir alle von der heutigen sehr langen Etappe müde und kaputt waren. Außerdem fing es so langsam an, immer nebeliger zu werden. Vom Meer her zog immer mehr feuchte Luft in das Tal, wo der Cullite Creek herlief, was dazu führte, dass innerhalb von sehr kurzer Zeit alles mehr und mehr nasser wurde.

An diesem Abend war ich auch sehr dankbar, dass Marc Voltaren-Salbe eingepackt hatte. Nicht, dass ich dieses Zeug sonst oft benutze, aber hier war es wirklich gut, den verspannten Rücken damit einzuschmieren und halbwegs entspannt einzuschlafen.


2 Responses to “Tag 2 auf dem West Coast Trail”

  • probefahrer alex von ponyhof Says:

    SEHR geil. Bei dem Bild mit den Muscheln habe ich GANZ kurz Höhenangst bekommen. Dann hab ich runter gescrollt und Dienen Fuß gesehen und dann ging es wieder 😉

    Sahen die Muscheln in echt uach aus wie kleine Totenköpfe?

    Freue mich auf die Berichte der nöchsten Tage

  • kofferleben Says:

    Hm. Ich sehe da grad keine Totenköpfe…? Oder meinst du die Seepocken?