Aug 20 2009

Tag 3 auf dem West Coast Trail

“Go for gold…erm…burger!”

Cullite Creek zum Cribbs Creek

Startzeit: 08:00

Tagesdistanz: 16km

Benötigte Zeit: 10h

Ich habe geschlafen wie ein Stein. Kein Wunder. Nur, dass Steine dann am Morgen wohl nicht so einen Muskelkater haben, wie ich gerade. Immerhin waren es vor allem nur die Oberschenkel, die gut zu spüren waren – die Leitern von gestern haben ihre Spuren hinterlassen.

Aber es ist eigentlich sehr beruhigend, wenn man dann sieht, dass man mit solchen Problemen nicht alleine dasteht. Geteiltes Leid, halbes Leid und in der Gruppe macht Muskelkater dann doch noch mehr Spaß! 😉

Schon beim Aufwachen wunderte ich mich ein wenig, warum zwischen dem Innenzelt und dem Außenzelt soviele Wassertropfen zu sehen waren. Der Grund war einfach: Durch den sehr starken und dichten Seenebel, der am Vorabend anfing reinzuziehen, hat sich das Wasser an allen Bäumen, Sträuchern, etc. niedergeschlagen und hat dann innerhalb des Waldes zu einem leichten, aber dauerhaften Tröpfelregen geführt. Aha, das ist dann dieser gemäßigte Regenwald von dem immer alle reden…

So war der Wald und das gesamte Gelände in einem recht bizarren Nebel eingepackt, was ein wirklich perfektes Szenario für einen spannenden Krimi gewesen wäre.

Also schnell angezogen und in die schön naß-klammen Schuhe gestiegen, um ein wenig Frühstück zu machen. Es gab – wie immer – Müsli mit Milch aus Trockenpulver. Obwohl ich doch recht müde war, hatte ich nichtmal das Gefühl, meinen obligatorischen Morgenkaffee trinken zu müssen. Seltsam. Und das, wo ich bekennendermaßen Kaffeejunkie bin…?!

Nachdem wir dann unsere nassen Zelte und die anderen Sachen verpackt hatten, ging es los. Vor uns lag ein 16km langer Abschnitt, der überwiegend aus Strand bestand. Schon am ersten Abend hatte Martin uns versichert, dass das soeben geschaffte Tagesstück das schwerste war und es am kommenden Tag “auf jeden Fall” einfacher werden sollte. Naja, das “einfacher” hatten wir gestern an dem Boulders gesehen. Auch heute Morgen kam wieder eine vergleichbare Aussage. Irgendwie hatte ich ein Dejá-vu und gleichzeitig die Hoffnung, dass er vielleicht dieses Mal recht hat.

Fehlanzeige.

Das “Aufwärmprogramm” fing mit der Cable Car über den Cullite Creek an. Diese Cable Cars sehen zwar lustig aus und die erste Hälfte macht wirklich Spaß darin zu fahren, aber nachdem man auf der Hälfte (der tiefsten Stelle) angekommen ist, musste man sich den Rest der Strecke weiterziehen. Ab da wird’s dann anstrengend…

Martin and Patrick in the cable car

Marc und Patrick im Cable Car

Anschließend mussten wir eine 60m hohe Leiter hochklettern. Oben angekommen war ich dann schon wieder platt und das, wo wir nichtmal 400m Strecke an diesem Tag geschafft hatten…!

At least we made a lot of height...

Da unten sind wir gestartet

Durch den Regen und die Feuchtigkeit hatte sich der Trail noch mehr in eine lange Rutschbahn verwandelt und die Matschlöcher hatten da wohl eher an Größe, bzw. Matschmenge zugenommen. Auch die hölzernen Laufstege waren rutschig und da sie manchmal geneigt lagen, konnte man auch hier sehr gut wegrutschen, wie wir leider feststellen mussten.

Great walkway

Leider war das nur ein kurzes Stück, was so gut ausgebaut war

Martin trying to get through this field of mud

Wieder eine Möglichkeit, ein kostenloses Schlammbad zu nehmen

The mud left some traces

Die ersten Spuren vom Matsch - immerhin bis dahin nur aussen...

Als wir nach ca. 2km beim Logan Creek ankamen, hatten wir schon die Sorge, mal wieder so eine allseits bekannte Leiter-Cable Car-Leiter-Partie präsentiert zu bekommen, aber dieses Mal war es anders: Über dem Creek war eine komfortable Suspension-Bridge gespannt. Zwar hat’s wie wild geschaukelt, als wir darüber gegangen sind, aber dafür waren da keine Leitern…

Suspension bridge at Logan Creek

Olli auf der Suspension Bridge über dem Logan Creek

Adrenaline Creek

Brücke über dem Adrenaline Creek - wer kam nur auf diesen Namen?!

Kurz vor dem Walbran Creek standen wir dann vor der Entscheidung, den Inlandtrail weiter zu gehen oder unseren Weg am Strand fortzusetzen.

Wir entschieden uns für den Strand. Leider musste der Walbran Creek dann zu Fuß überquert werden. Leider deswegen, weil ich mir dachte, dass es schon irgendwie passt und das Wasser nicht so tief ist, dass es in meinen Schuh reinläuft. Soweit die Theorie. Nur schade, dass ich in der Praxis genau im tiefsten Punkt eingesackt bin und mein einer Schuh komplett mit Wasser und kleinen Steinchen volllief.

Das weitere Laufen machte dann wirklich nur bedingt Spaß. Zwar hatte ich die Steinchen sofort danach entfernt, aber das Gefühl mit einem trockenen und einem nassen Fuß zu laufen ist nicht wirklich das schönste… 😉

Crossing Walbran Creek

Beim Überqueren des Walbran Creek

Immerhin ging es nun am Strand entlang und die rutschigen Wege und Matschlöcher lagen (erstmal) hinter uns. Dafür ging es am Strand fast 2km bis Vancouver Point durch tiefen Sand. Aber wir hatten einigermaßen Glück mit der Tide und so konnten wir zumindest kurzzeitig mal über ein paar freiliegende Felsen laufen, was dann wirklich entspannend war.

Dead octopus

Treibgut am Stand. Hier: Eine tote Krake

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Tiefer Sand machte das Laufen am Strand anstregend

Die Strecke ging dann mehrere Kilometer weiter über den Strand – mal gut, mal auch wieder nicht so gut, bis wir dann an der Campsite beim Bonilla Point ankamen. Hier haben wir dann eine längere Pause eingelegt. Nicht nur, um ein wenig von unseren Beef Jerkies und Müsliriegeln als Mittag zu essen, sondern auch um ein kleines Feuer anzuzünden und unsere Sachen zu trocknen.

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Schuhe und Socken am Feuer trocknen

Leider war ich dann doch ein wenig ungeduldig mit der Geschwindigkeit, in der meine Socken trockneten. Naja..die Quittung gabs prompt: Die eine Socke fing an zu brennen und ich musste schnell zum Wasser laufen, um sie wieder zu löschen. Jetzt war mein Socken nicht nur wieder naß, sondern auch noch verbrannt…! 🙁

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Dieser Socken hat nun eine eingebaute Lüftung am Zeh...

Naja, zum Glück hatte ich noch weitere Socken im Gepäck, die dann immerhin trocken waren. Da hätte ich mir die Räucherei am Feuer auch echt sparen können!

Trotz dieser Umstände war die Campsite wirklich schön: Neben der geschützten Lage der Feuerstelle mündete in unmittelbarer Nähe der Bonilla Creek mit einem kleinen wasserfall ins Meer.

Das haben auch drei Kanadierinnen ausgenutzt, die sich dann gleich in die kalten Wasserfallfluten stürzten. Wir haben das aus verschiedenen Gründen nicht gemacht: Einmal hatten wir ja schon vor ein paar Tagen geduscht und ausserdem waren wir gerade dabei, mal wieder halbwegs am Feuer trocken zu werden… 😉

Waterfall at Bonilla Creek

Wasserfall am Bonilla Point

Es stand aber fest, dass dieser Ort wirklich zum Übernachten perfekt ist – vielleicht das nächste Mal!

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Die Felsen am Bonilla Point

Zwei Kilometer später kam dann der nächste Fluss, der überquert werden musste. Leider war die dazugehörige Cable Car defekt und wir mussten mal wieder so durch den Fluss waten. Naja, immerhin habe ich aus der letzten Erfahrung gelernt und dieses Mal meine Schuhe auch ausgezogen.

At Carmanah Creek, the cable car was stuck...

Dieses Mal barfuss durch den Fluss...

Immerhin wussten wir anhand des Flusses – dem Carmanah Creek – genau wo wir waren: Ca. 1,5km vor unserem Halbtagesziel “Chez Monique“.

Patrick quite happy to see this oasis ;)

Strahlende Gesichter: "Chez Monique" in Sicht!

Was auf den ersten Blick wie ein französisches Spezialitätenrestaurant im Herzen von Paris klingt, ist hier an der Westküste Kanadas inmitten der totalen Wildnis doch ein wenig anders. Bei “Chez Monique” handelt es sich um die Unterkunft einer Frau, die sich wohl vor einiger Zeit dazu entschlossen hat, ein wenig mehr in der ländlichen, stadtfernen Gegend zu wohnen und dabei vorbeikommenden Wanderern Burger und Bier zu verkaufen.

Dies macht sie wohl schon seit einiger Zeit und man kann es wohl zweifelsohne als gute Geschäftsidee bezeichnen, da eigentlich jeder, der hier vorbeiläuft, etwas zu essen kauft…

Just some meters left to the burgers!

Nur noch wenige Meter bis zum Essensparadies

Begrüßt wurden wir mit den Worten “Ah, you are the four Germans, right?“. Hm. Scheinbar hatten uns die drei Kanadierinnen, die mit uns gestartet waren, schon angekündigt. Sie waren am Morgen vor uns losgegangen und ohnehin ein wenig schneller als wir unterwegs. Spaßeshalber sagten wir ihnen am Morgen, dass sie uns bitte einen Tisch bei Monique reservieren sollten und scheinbar haben wir das wohl getan.

This was luxury for us!

Ein wirklich luxoriöser Ort!

Even with a sign

Hier sind wir richtig

Auch wenn es vielleicht nicht glaubwürdig klingt: Wir haben uns echt über diesen Luxus gefreut! Wir hatten ein wasserdichtes Dach über dem Kopf, einen Tisch und Stühle mit Rückenlehne! Es ist wirklich ein unbeschreiblich tolles Gefühl, wenn man sich in so einen Plastikstuhl reinfallen lassen kann.

The backside with a small house and a weedgarden

Sogar ein eigener Kräutergarten war vorhanden

Auch Haustiere waren vorhanden. Ich bin mir sicher, dass die mit Sicherheit nicht wie bei uns durch Autos gefährdet sind, sondern hier wohl eher durch Bären oder Pumas, die sie auffressen wollen…

Even pets are here

Eines der Haustiere

Nachdem wir unsere Burger bestellt hatten, haben wir uns noch ein wenig umgesehen, um die Wartezeit auf das Essen ein wenig zu verkürzen.

Neben der “Inhaberin” Monique waren noch drei weitere Personen hier, die als Voluntäre in der Küche und rund ums Haus halfen. Einer davon war auch aus Deutschland und gerade eben erst diesen Tag angekommen. Ein wenig hatte ich den Eindruck, dass er sich noch nicht so ganz im Klaren war, was er da jetzt genau für einen Job angenommen hat und wie weit abseits seine neue Arbeitsstelle wirklich von der Zivilisation ist…

Monique selbst wohnte in einem kleinen Häuschen, während die anderen “Gebäude” für die Küche, Unterkunft und die Sitzgelegenheiten einfach nur aus aufgespannten Plastikfolien bestanden.

We even had chairs...awesome!

Das "Restaurant" von innen

Normalerweise hätte ich mich gefragt, wie man in solchen Unterkünften überhaupt schlafen kann. Aber hier war ich von dem Luxus und Komfort doch sehr beeindruckt. Echt interessant, was drei Tage auf dem Trail so aus einem machen!

The forest fogging in

Restaurant am Ende der Welt (und nicht Universum! 😉 ), aber trotzdem auch mit guter Aussicht

Kurz darauf waren auch unsere Burger fertig und mit Cola und Bier ging es dann an das Festessen.

Marc with his burger

Festessen mit Burger, Bier und Cola

Es ist toll, wie gut so ein einfaches Essen schmecken kann! Allein dieser Luxus, mal nicht für ein Essen ein Feuer anzuzünden und irgendwelche einfachen Instantessen zu kochen, sondern es komfortabel an den Tisch geliefert zu bekommen ist der Wahnsinn. Dazu halt der Geschmack…ein Traum!

Nachdem wir dann aufgegessen hatten, kauften wir uns noch ein paar Süssigkeiten und Marshmellows. Ein bisschen kam ich mir ja schon wie in der Grundschule vor, wo ich mir in den Pausen auch immer mal was beim Kiosk nebenan gegönnt habe. (Für diejenigen, die aus meinem Heimatort kommen, ist “Tante Paula” mit Sicherheit noch ein Begriff… 😉 ) Nur, dass die Sachen nicht einen Pfennig pro Stück kosteten, sondern doch ein wenig teurer waren. Naja, Monique soll ja hier auch nicht schlecht leben und der Transport hierhin ist ja über das Meer auch nicht der einfachste…

Allzu lange konnten wir uns aber nicht mehr Zeit lassen, weil wir noch einiges an Strecke vor uns hatten und vor allem auch die Tide im Blick halten mussten. So verließen wir schweren Herzens diese Oase und wanderten weiter.

Kurz darauf erschien dann bei Carmanah Point der gleichnamige Leuchtturm im Nebel:

Carmanah Lighthouse apprears in the fog

Carmanah Lighthouse erscheint im Nebel

An der Westküste Kanadas gibt es wohl angeblich nur sieben bemannte Leuchttürme. Zwei davon befinden sich zufälligerweise auf dem West Coast Trail und Carmanah Lighthouse ist einer von ihnen.

Als wir aus dem Wald zum Leuchtturm kamen, mussten wir zu unserer Verwunderung feststellen, dass um den Leuchtturm und die anliegenden Wohnhäuser gepflegte Rasenstücke und Gärten zu finden waren. Es war schon ein wenig surreal…das i-Tüpfelchen war jedoch das hier:

WTF? It has been drizzeling the whole day!

Ein Rasensprenger mitten in der Wildnis bei Nebel...ohne Worte!

Wozu bitte muss man am Ar*** der Welt bei Nebel und Nieselregen seinen Rasen wässern?! Wir werden es wohl nie verstehen…

Ansonsten war die Anlage mit wirklich allem ausgestattet, was man so fürs Überleben brauchte: Ein paar schöne große Wohnhäuser, einen Hubschrauberlandeplatz, eine Menge Dieseltanks für den Generator und eine Seilbahn runter an den Strand, um auch per Schiff erreichbar zu sein.

Carmanah Lighthouse with some houses

Carmanah Lighthouse mit Wohnhäusern

Vor dem Leuchtturm im Meer waren mehrere Felsen, auf denen sich eine Horde von Seelöwen tummelte. Leider war das Wetter einfach zu schlecht, um Fotos zu machen, auf denen man das dann auch noch erkennen konnte.

Vor einem der Häuser saß eine alte Frau, die irgendwie damit beschäftigt war, Gemüse zu putzen. Da wir von Carmanah Point aus weiter die Strandroute gehen wollten und den Zugang nicht fanden, fragten wir sie, wo dieser wäre. Sie erklärte es uns, meinte aber, dass wir aufgrund der Tide da jetzt nicht langgehen könnten. Dies war, wie sich später herausstellte, nicht richtig, aber wer hätte ihr nicht geglaubt…?

Ergebnis dieser Entscheidung war, dass wir dann wieder mit dem rutschigen und nassen Inlandtrail zu kämpfen hatten. Heute war dann ein ca. 5m hoher Hang im Programm, der komplett aus Matsch bestand. Immerhin war ein Seil gespannt, an dem man sich dann abseilen konnte.

Getting down a muddy area, good to have a rope!

Abseilen an einem Hang aus Matsch

Wir kamen jetzt in ein Gebiet, in dem bei der Einführung am ersten Tag auf eine erhöhte Bärenaktivität hingewiesen wurde. Aber zum Glück waren wir ja gut ausgerüstet: Einmal hatten wir genug Sachen aussen an den Rucksäcken hängen, was durch geklapper Krach machte und außerdem hatte Martin eine Glocke (oder besser: Glöckchen) dabei, die wohl Bären vor Wanderern akustisch vorwarnen sollte. Ob dieses Ding funktioniert hat, konnten wir nicht sagen. Mitmenschen werden auf jeden Fall von diesem Ding genervt und abgewehrt… 😉

Bears have been here...

Schild mit Bärenwarnung

Aber auch für eine eventuelle Bärenbegegnung waren wir bestens ausgestattet: Im Outdoorladen in Victoria hatten wir uns zuvor Bärenspray gekauft, welches quasi eine Art Pfefferspray ist, nur mit einer besseren Reichweite.

Als wir dann schließlich am Cribs Creek ankamen, hatten die drei kanadischen Mädels bereits ihr Zelt aufgebaut und ein kleines Feuer angezündet. Wir holten dann, nachdem wir unsere Zelte auch aufgebaut hatten, noch ein wenig Feuerholz und gesellten uns zu ihnen.

Nach dem Abendessen holten wir dann unsere Marshmellows raus und machten (verkohlten?) sie dann gemeinsam zu siebt über dem Lagerfeuer.

Marshmallows at the fire!

Marshmellows über dem Feuer verkohlen

Die nächste Etappe war also geschafft und wir waren alle ziemlich kaputt. Trotzdem muss ich zugeben, dass Teile des Muskelkaters weg waren. Dafür war zwar der Rücken ein wenig verspannt, der aber dann mit Voltaren-Salbe eingerieben wurde, die wir zum Glück mit dabei hatten.


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